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Die wahren Grenzen sind in unserem Kopf

 

In einem Lied von Andre Heller gibt es die Textzeile „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“. Ähnliches gilt für Grenzen: Viele existieren nur in unseren Gedanken und Überzeugungen. Natürlich gibt es reale Grenzen, wenigstens bezogen auf ein bestimmtes System. Ein Glasstab hat eine bestimmte Bruchfestigkeit, ein gleich dicker Stab aus carbonfaserverstärktem Kunststoff hingegen ist wesentlich stabiler.
Bloß - wo ist die „wirkliche“ Grenze für Bruchfestigkeit?
Die Schallgeschwindigkeit war lange Zeit eine „reale“ Grenze in der Luftfahrt.
Aber irgendwann gab es jemanden, der über die Grenze hinausdachte und eine grenzerweiternde Frage stellte: „Was müssen wir tun, dass ...“ .


Wie blockierende Grenzen entstehen können ...

Im Buch „Wettlauf um die Zukunft“ von Gary Hamel und C.K. Prahalad finden wir eine faszinierende Geschichte, die uns eine großartige Metapher anbietet: Die „Mitspieler“ sind Versuchsleiter (die sich „hinter der Kulisse“ aufhalten) und eine Affensippe. Nun stellen Sie sich den Raum vor, in den vier dieser Affen gebracht werden. Er enthält einige Kletterstangen und genügend Material zum Herumprobieren, Spielen etc. Aber in der Mitte des Raumes befindet sich eine lange Stange (vom Boden bis zur Decke). Oben sehen die Affen mehrere wunderschöne Bananen. Was die vier Affen aber nicht sehen ist ein Duschkopf direkt unterhalb, der ihnen eine kalte Dusche verpassen wird, wenn sie sich den Bananen nähern. Das haben sich die Versuchsleiter so ausgedacht.

 

Erster Akt: Nun, die Affen untersuchen zunächst ihr kleines Reich, entdecken natürlich die Bananen.
Bald kommt, was kommen muss: Der erste Affe klettert die Stange hinauf. Auf halbem Wege erhält er die besagte eiskalte Dusche. Schreiend lässt er von den Bananen. Der zweite, dritte, vierte Affe probiert es auch. Jedes Mal: eiskalte Dusche. Sie können es sich vorstellen. Bald geben sie auf, keiner berührt die Stange mehr. Sie hausen in diesem Raum, klettern, spielen etc. aber man könnte meinen, die Stange sei unsichtbar.

 

Zweiter Akt: Nun wird der Duschkopf „entschärft“ (indem außerhalb des Raumes das Wasser abgestellt wird). Im Klartext: Ab jetzt besteht keine reale Gefahr mehr!

 

Dritter Akt: Jetzt tauschen die Versuchsleiter einen dieser Affen gegen einen ihrer Freunde aus der Affensippe von draußen aus. Der noch „naive“ Neuzugang sieht die Bananen und will natürlich die Stange hinaufklettern, aber nun geschieht es: Die anderen reißen ihn herunter, noch ehe er die kalte Dusche erleiden müsste. Die Tatsache, dass es keine kalte Dusche mehr geben kann, macht die Sache (aus der Sicht der Versuchsleiter) besonders interessant. Aber aus der Sicht der Affen ist es völlig schlüssig, denn sie brauchen sich nicht mehrmals zu verletzen, um ihre Lektionen zu lernen. Somit lernt der Neuling sofort bereitwillig aus den Erfahrungen seiner Kumpel, denn er weiß von früher: Es hat schon seine Richtigkeit, wenn „man“ in der Horde gewisse Dinge nicht tut, die „man“ in dieser Horde eben nicht tut.

 

Vierter Akt: Nun tauscht man auch die anderen Affen der Reihe nach gegen Freunde von draußen aus, und auch sie lernen ihre Lektion. Am Ende haben wir lauter Affen der zweiten Generation, die Dusche ist schon lange abmontiert, und keiner wagt sich die Stange hinauf.

 

Von den neuen Affen hat zwar nie einer wirklich gesehen, dass da oben etwas Schlimmes passiert, aber jeder „weiß“, dass es so ist!


Wir sind doch keine Affen! Andererseits ...

Grenzen entstehen in uns oft dann, wenn wir eine schlechte Erfahrung gemacht haben und instinktiv vermeiden wollen, dieselbe Unannehmlichkeit noch einmal zu erleiden.

 

Solche Unannehmlichkeiten können in unterschiedlichen Formen auftreten, z.B.:

Körperliche Schäden / Verletzungen
Bestrafung (körperliche, emotionale)
Destruktive Kritik
Lächerlich gemacht werden
Selbstvorwürfe und Schuldgefühle
Angst

Das ist eine durchaus sinnvolle Reaktion, weil sie uns davon abhält, etwas zu tun, was unser Leben oder unser Wohlbefinden sinnlos in Gefahr bringt.

 

Andererseits nehmen wir in der Folge Dinge nicht in Angriff, die uns eigentlich erstrebenswert erscheinen, weil wir negative „Nebenwirkungen“ befürchten. Manchmal kneifen wir auch vor den Anstrengungen, die erforderlich sind, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wir sprechen dann oft von einem „toten Punkt“, wo uns die Lust zum Weitermachen verlässt. Dazu mehr im Juni-Newsletter.


Wenn wir statt Lust Unlust ernten

Der in der Affen-Geschichte beschriebene psychologische Effekt tritt in unserem Leben immer wieder in Erscheinung:

1.  Ich möchte etwas, von dem ich mir eine angenehme Erfahrung erwarte (Erwartung von Lust)
2.  Beim Versuch es zu bekommen mache ich eine unangenehme Erfahrung (Realität: Unlust)
3.  Der Wunsch ist nach wie vor da (noch immer Erwartung von Lust), ich probiere es wieder und mache die gleiche negative Erfahrung (Realität: schon wieder Unlust!)
4.  Wenn ich mehrmals die gleiche unangenehme Erfahrung mache passiert eine Generalisierung und es prägt sich folgende Überzeugung (die ich dann für „wirklich“ halte):
„Immer, wenn ich (das erstrebenswerte) X versuche, passiert (das unangenehme) Y“
d.h.: „X bekomme ich sowieso nicht, dafür das negative Y.“
oder noch allgemeiner: Ich suche Lust und bekomme Unlust.
5.  Und nachdem wir nicht dümmer als die Affen sind treffen wir eine Entscheidung:
„Dann eben nicht!“ – und wir probieren es nie wieder.

Was wir dabei übersehen ist die Tatsache, das die negative Reaktion der Umwelt etwas ist, was mit aktuellen Lebensumständen zu tun hat: dieser Vater, diese Mutter, diese(r) Lebenspartner, diese(r) ChefIn, diese(s) Unternehmen, dieser Zeitpunkt.
Tragischerweise wird auch hier generalisiert: alle Männer, alle Frauen, alle Chefs, immer.


Es muss nicht ewig so bleiben

Lebensumstände ändern sich. Ebenso die eigenen Fähigkeiten.

Das, was Eltern oder Lehrer früher sanktioniert haben, muss heute keine negative Sanktion zur Folge haben.
Was mir bei meinem früheren Chef Schwierigkeiten eingebracht hat muss es bei meinem aktuellen Chef nicht tun.
Wo ich als Kind hilflos war, habe ich heute die nötigen Fähigkeiten.
Wo ich als Kind nicht die Wahl hatte, habe ich sie heute.

In der Geschichte mit den Affen haben sich ja auch die Umstände verändert: Ab einem bestimmten Zeitpunkt war das kalte Wasser abgedreht. Ab jetzt hätte jeder Affe das Erwünschte erhalten, ohne negative Nebenwirkungen.
Es hätte sich bloß einer der Affen sagen müssen: „Ein kalte Dusche riskiere ich noch einmal. Ich möchte doch wirklich wissen, ob ich diesmal die Bananen bekomme ohne nass zu werden.“
Hätte es einer probiert, wäre der Bann gebrochen gewesen. Nach mehreren erfolgreichen Aktionen hätte sich eine neue, konstruktive Überzeugung entwickelt: „Die Bananen im Korb kann ich mir gefahrlos holen“. Und irgendwann holt man sich die Bananen einfach und hat vergessen, dass es dabei irgendwann einmal Probleme gegeben hat.


Einmal kalte Dusche riskiere ich noch!

Ich lade Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein:

Wo gibt es in meinem Leben Dinge, die ich gerne erreichen oder tun möchte, aber wo mich eine machtvolle innere Kraft davon abhält es zu tun („Mach das bloß nicht!)?
In welcher früheren Situation habe ich das schon einmal versucht und dabei eine schlechte Erfahrung gemacht?
Bestehen die Umstände noch immer?
Wenn nein: Was könnte heute schlimmstenfalls passieren, wenn ich es probiere?
Welchen Nutzen hätte ich davon, wenn es diesmal klappt?

Wenn ich mich dann entschließe, es zu tun, ist es wichtig, es mit Entschlossenheit und Optimismus anzugehen. Die Befürchtung „Aber vielleicht wird es doch wieder schief gehen“ könnte leicht zur „Sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ werden.
Sinnvoller ist die Frage: „Was tue ich, dass es diesmal sicher gut geht?“



Über den Lerngang „Als Führungskraft Engpass-Situationen meistern“ finden Sie hier nähere Informationen.

 

KULTUhRWERK SALZSTRASSE

INK Institut für Narrative Kunst