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Wage zu träumen

 

I have a dream!“ – dieser Einstieg und die darauf folgende Rede von Martin Luther King sind wohl eines der berühmtesten Beispiele eines persönlichen Traums. Menschen werden immer wieder von inneren Bildern inspiriert und geleitet. Man nennt sie Ideen, Sehnsüchte, Träume, Visionen. Viele scheitern schon im Ansatz, weil die Zweifel stärker sind.

 

Persönliche Träume ziehen Aufmerksamkeit, Begeisterung und gestalterische Energie in eine bestimmte Richtung. Ob aus ihnen Realität wird, hängt nicht zuletzt vom (Selbst-)Vertrauen ab, dass die Realisierung möglich ist. Es gibt aber auch Kräfte, die dagegen wirken: Zweifel, Skepsis, Ängste. Manchmal sind es Stimmen im eigenen Kopf, häufig werden sie von anderen Menschen verkörpert.

 

Im Buch „Ich habe nach dir gewonnen“ (von Kristina Reftel, Goldmann-Verlag 2009) gibt es dazu auf Seite 92 eine schöne Geschichte:

 

 

Wage zu träumen

 

„Schreibe einen Aufsatz über deine Träume.“ Diese Aufgabe haben viele Schüler gestellt bekommen - so auch Tommy, der in den Fünfzigerjahren irgendwo in Schweden eine kleine Dorfschule besuchte.

 

Für Tommy gab es viel, wovon er träumen konnte, aber sehr wenig, worauf er seine Träume bauen konnte. Seine Familie war arm und hatte häufig umziehen müssen, da sie immer wieder dorthin ziehen mussten, wo Tommys Vater Arbeit finden konnte. Darum hatte Tommy nur wenige richtige Freunde und war in der Schule hoffnungslos hintendran. Aber Träume hatte er!

 

An diesem Abend strengte Tommy sich mächtig an mit seinem Aufsatz. „Wenn ich groß bin, will ich Künstler werden und in einem Haus auf dem Land wohnen, das ich selbst gebaut habe.“ Ganz sorgfältig zeichnete Tommy Skizzen, wie das Haus aussehen sollte, und er war mächtig stolz, als er am nächsten Tag seinen Aufsatz bei seinem Lehrer abgab.

 

Drei Tage später bekam er seinen Aufsatz zurück mit einer großen, roten Sechs - die schlechteste mögliche Beurteilung! Nach dem Unterricht fragte Tommy den Lehrer, warum er eine Sechs auf seinen Aufsatz bekommen hatte.

 

„Das hier ist ein völlig unrealistischer Traum für einen Jungen wie dich. Du bist arm, hast fast keine Schulbildung, du hast keinerlei künstlerische Begabung und weißt nichts darüber, wie man ein Haus baut. Wenn du einen Aufsatz über einen realistischeren Traum schreibst, kann ich dir eine bessere Note darauf geben.“

 

Tommy wusste nicht, was er tun sollte. Er dachte den ganzen Heimweg drüber nach, und am Abend fragte er seinen Vater um Rat. Dieser setzte sich auf Tommys Bettkante und schaute ihn ernst an.

 

„Das ist dein Traum, Tommy. Du musst entscheiden, wie wichtig er für dich ist“.

 

Am nächsten Tag gab Tommy denselben Aufsatz noch einmal ab. „Sie können bei dieser Note bleiben - und ich bleibe bei meinem Traum.“

 

Dreißig Jahre später erzählte Tom die Geschichte zwanzig Kindern, die zu ihm zu einem Malkurs gekommen waren.

 

„Das erzähle ich euch, nachdem ihr nun in einem Haus auf dem Land seid, das ich selbst gebaut habe. Und morgen will ich euch die Ausstellung zeigen mit Bildern, die ich gemalt habe. Über dem offenen Kamin habe ich meinen Aufsatz eingerahmt aufgehängt. Das erinnert mich immer daran, dass ich meine Träume nicht aufgeben soll. Und auch ihr solltet euch von niemandem eure Träume stehlen lassen.“

 

 

 


Ich habe keine Ahnung, ob diese Geschichte wahr ist oder gut erfunden. Aber sie vermittelt eine simple Erkenntnis: Träume sterben einen schnellen Tod, wenn man sich vorschnell durch das limitieren lässt, was man selbst oder Andere für „realistisch“ halten. Träume können Realität werden, wenn man Vertrauen in sie hat, die richtigen Schritte setzt und diese mit Beharrlichkeit verfolgt.

 

 

Hier zwei Beispiele für "unmögliche Träume":

 

 

Am 23. Juni 1940 wurde die farbige Wilma Rudolf in Tennessee geboren. Sie erkrankte an Kinderlähmung und konnte bis zum Alter von 8 Jahren nicht gehen. Aber sie hatte den Traum, eine Läuferin zu sein. Wie realistisch ist so etwas mit dieser Krankheit? Doch sie folgte ihrem Traum, lernte gehen, lernte laufen, perfektionierte das Laufen. 1960 gewann sie bei den Olympischen Spielen in Rom drei Goldmedaillen im Laufen (100 m, 200 m, Sprintstaffel). Ihr Spitzname war „Die Gazelle“.

 

 

Der Amerikaner Gilbert Kaplan gründete mit 25 Jahren sein erstes Magazin und wurde in den Folgejahren zu einem erfolgreichen und wohlhabenden Herausgeber. Als er etwa 40 Jahre alt war, hörte er Gustav Mahlers 2. Symphonie und war von dieser Musik zutiefst berührt. Aber er hatte das Gefühl, dass keine der gehörten Interpretationen die wirkliche Tiefe dieser Symphonie ausloten würde. Also verkaufte er seinen Verlag und beschloss, diese Symphonie so zu dirigieren, wie er sich deren Klang vorstellte. Er war ein vierzigjähriger Manager, hatte noch nie zuvor dirigiert und spielte auch kein Instrument. Jedermann hielt ihn für verrückt. 
Aber nur 2 Jahre später war aus seinem Traum Wirklichkeit geworden. 1982 dirigierte Gilbert Kaplan Mahlers Zweite im New Yorker Lincoln Center. Die Zuhörer waren überwältigt. Ein Kritiker nannte es „eine der tiefgründigsten fünf Interpretationen von Mahlers Zweiter, die ich in den letzten 25 Jahren gehört habe“. 1983 dirigierte Kaplan die Symphonie in der Carnegie Hall. Dieses Konzert wurde von den Daily News zu einem der besten zehn Konzerte des Jahres gewählt und als eine der besten Aufführungen von Mahlers Zweiter bezeichnet, die es je gab. Die 1988 eingespielte CD wurde in diesem Jahr die meistverkaufte Klassik-CD in den USA.

 

 

Nelson Mandela

 

Nelson Mandela ist ein weiteres beeindruckendes Beispiel für einen Menschen, der seinem Traum gefolgt ist – der Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus und ohne Gewalt. Diese war so kraftvoll, dass sie auch von einer 27jährigen Haft als politischer Gefangener nicht gebrochen werden konnte, sondern gestärkt wurde:

 

"Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft. Mein teuerstes Ideal ist eine freie und demokratische Gesellschaft, in der alle in Harmonie mit gleichen Chancen leben können. Ich hoffe, lange genug zu leben, um dies zu erreichen. Doch wenn dies notwendig ist, ist dies ein Ideal, für das ich zu sterben bereit bin." (Mandela 1964 in seiner Verteidigungsrede im "Rivonia-Prozess")

 


Bei seiner Antrittsrede als Präsident (Mai 1994) brachte er seinen Traum noch einmal auf den Punkt:

 

"Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde, eine 'Regenbogennation' im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt."

 

 

Zum Umsetzen von Träumen findet man in seiner Autobiographie „Long Walk to Freedom“ (1995) einige markante Statements, z.B.:

 

„Das Größte, was man erreichen kann, ist nicht, nie zu straucheln, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“

 

 

"Ich habe gelernt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Furcht ist, sondern der Triumph darüber. Der mutige Mann ist keiner, der keine Angst hat, sondern der, der die Furcht besiegt."

 

 

"Jeder kann über sich hinauswachsen und etwas erreichen, wenn er es mit Hingabe und Leidenschaft tut.“

 

 

„Wenn Du Frieden schließen willst mit Deinem Feind, dann arbeite mit ihm. Dann wird er Dein Partner.“

 


Der letzte Satz kann auch ein Hinweis sein, wie man mit den Zweifeln arbeiten kann, die den Träumen im Wege stehen. Sie haben oft eine positive Absicht, die es zu erkennen und zu berücksichtigen gilt. Sie sollen uns aber nicht bremsen, noch bevor der Traum auf seine Realisierbarkeit überprüft worden ist:

 

 

Gibt es etwas, was ich gerne machen würde und wo ich eine wirkliche Sehnsucht verspüre, aber eine innere Stimme sagt: „Das geht nicht“?
Welche Überzeugungen habe ich, die zu diesem „Es geht nicht“ führen?
Woher habe ich diese Annahmen (Wer hat mir das gesagt, wo habe ich das gelesen, welche Erfahrungen habe ich dazu gemacht?)
Was ist die positive Absicht dieses Zweifels? Welche Angst steckt dahinter? Wovor will er mich bewahren?
Welchen Nutzen würde es mir bringen, wenn ich meinem Traum doch folgen würde?
Welcher Weg fällt mir heute ein, mit dem es machbar ist?
Wie groß ist der Aufwand, den ich betrieben muss?
Ist er in einem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen?
Wie passt die Verwirklichung dieses Traums zu anderen Aspekten und Bedürfnissen meines Lebens?

KULTUhRWERK SALZSTRASSE

INK Institut für Narrative Kunst